Impfen - eine entscheidende Frage


Nun ist es passiert: Endlich herrscht kein Mangel mehr an Impfstoffen, es ist genug für alle da, aber immer weniger gehen hin. Alle, die monatelang warten mussten, haben endlich ihre Impfung erhalten. Nun sind da nur noch die Impfgegner und die Unentschlossenen. Diejenigen, die sich nicht aktiv um einen Termin kümmern oder, wenn sie einen haben, ihn einfach verfallen lassen. Die schon gern geschützt wären, die schon gern endlich auch dieses Thema mit einem „erledigt“ abhaken würden, aber von zu vielen Zweifeln geplagt werden, um eine endgültige Entscheidung treffen zu können.

Es ist ein Dilemma. Auf der einen Seite droht eine Ansteckung, bei der man nicht weiß, ob sie einen krank macht und wie lebensbedrohlich das tatsächlich werden könnte. Auf der anderen Seite könnte es auch sein, dass eine allergische Reaktion gegen den Impfstoff sich zu einer ernsten Krankheit auswächst. Statistisch gesehen mag das sehr unwahrscheinlich sein. Aber was nützt die beste Statistik, wenn man zu den wenigen gehört, die eben doch betroffen sind?

Natürlich ist das ganze Leben ein einziges Risiko. Das beginnt schon mit der Zeugung: Welche Gene bekomme ich mit? Wie gut werde ich im Mutterleib versorgt? In welche Familie werde ich hineingeboren? In welche Gesellschaft? Und die Risiken hören nie auf: Falle ich vom Wickeltisch? Ertrinke ich in der Badewanne? Werde ich Opfer eines Verkehrsunfalls? Breche ich mir was beim Radfahren, Skaten, Fußball spielen, Reiten oder Tanzen? Hab ich was gegessen, das vergiftet, vergammelt oder kontaminiert war? Werde ich gemobbt, mißbraucht, ausgenutzt, betrogen? Brennt mein Haus oder wird es überflutet? Sitze ich irgendwann nur noch alleine da und warte auf das erlösende Ende?

Das Leben besteht aus Risiken, Zweifeln, Hoffnungen und Entscheidungen. Das Bedürfnis nach Sicherheit ist dabei sehr groß. Sicher fühlt man sich dann, wenn man etwas kennt, wenn es vertraut ist.

Und nun haben wir den fatalen Fall, dass die Durchimpfung der Bevölkerung uns zwar zurück in Richtung unserer vorherigen Normalität bringen würde, aber vielleicht nicht komplett. Denn das Virus bleibt ja und solange nicht auch der Rest der Welt geimpft ist, mutiert es munter weiter. Keiner weiß, ob nicht bald sogar ein neues Virus auftaucht. Und dann ist da noch der Klimawandel; die Verknappung von Ressourcen wie Wasser, Holz, Sand, Energie; Flüchtlinge; Korruption; Naturkatastrophen; Skandale, Krisen überall. Leben halt.

Eine Krise macht Angst. Irgendwas stimmt nicht, ist anders, falsch, bedrohlich, unsicher. Solange keine neue Sicherheit erreicht ist, bleibt dieses Gefühl der Bedrohung.

Wir wissen nicht, wie es mit dem Virus weitergeht. Wir sind immer noch in der Abwehrphase, mitten im Kampf. Dieser Kampf wird aber nicht erst dann gewonnen, wenn es kein Virus mehr gibt, denn das wird nicht passieren. Der Kampf wird gewonnen, wenn wir durch den Gegner nicht mehr ernsthaft verletzt werden, die Intensivstationen leer bleiben, Medikamente uns bei einer Infektion schnell wieder auf die Beine bringen.

Der Gesamtbevölkerung hilft es, wenn soviele Menschen wie möglich geimpft sind. Trotzdem muss jeder Einzelne diese Entscheidung auch für sich persönlich treffen. Und egal, wie diese Entscheidung dann ausfällt: sie ist zu akzeptieren.