Phasen einer Krise 2


Drei Tage krank. Emotional erschöpft.
Die Kinder dürfen auf unbestimmte Zeit nicht mehr zur Schule, dürfen ihre Freunde nicht treffen. Das war zuviel für mich! Im Endeffekt scheint es sie weit weniger hart zu treffen als mich. Sie arrangieren sich, haben einander und halten ja trotzdem ihre Kontakte. Aber mich hat diese Nachricht völlig aus der Bahn geworfen.
Die Infektionszahlen, die Absagen von Konzerten und Festen, das Schließen der Tanzschulen und Schwimmbäder, die voraussichtliche Absage der Freilichtbühnen-Saison – das war alles schwer aber nachvollziehbar. Es blieb die Hoffnung, dass sich nach Ostern alles wieder entschärft. Dass ich den Kindern endlich Sommerschuhe kaufen kann. Dass sie ihre Freunde wiedersehen. Dass kleinere Theater- und Konzert-Veranstaltungen in absehbarer Zeit wieder stattfinden.
Schuhe kaufen geht jetzt wieder. Ich muss also nicht Dutzende Paar Schuhe irgendwo per Versand bestellen und fast alles wieder zurückschicken. Ich darf weiterhin zum Einzelhändler meines Vertrauens gehen. Doch bei all den anderen bleibenden Einschränkungen hat mich nichts so tief getroffen wie die anhaltende Schließung der Schulen. Ganz offenbar reißt das alte Wunden in mir auf. Meine Kinder sollten Freunde haben, mit denen sie sich verabreden, Unternehmungen planen, zusammen lernen, gemeinsame Hobbies haben, telefonieren bzw. die vielfältigen Social Media nutzen, die es heute gibt – denn ich hatte das alles nicht. Von der 7./8. Klasse an war ich allein. Konnte mit den anderen nichts anfangen und sie nicht mit mir. Ich war wohl zu still, zu ernsthaft, zu naiv, zu ehrlich, zu direkt. Meine Fragen blieben unbeantwortet, meine Erkenntnisse interessierten niemanden, meine äußerlich stille Freude an Musik und Natur blieb ihnen unverständlich. Heute weiß ich, dass ihre Sinne nicht so fein sind wie meine. Sie genießen Musik erst, wenn sie mich schmerzt. Wo sie sich freundschaftlich umarmen, fühle ich mich erdrückt. Sie lachen über Dinge, die mich traurig stimmen. Sie genießen den Rausch der Geschwindigkeit, der bei mir Panik auslöst, weil ich die Kontrolle verlieren könnte. Dabei sehne ich mich genauso sehr nach Nähe und Abenteuer.


Und das ist meine zweite Corona-Erkenntnis: Wenn ich beim Spazieren oder Einkaufen ständig Menschen begegne, die mir aus dem Weg gehen, dann sehe ich in ihnen zum ersten Mal mich selbst. Plötzlich sind sie es, die befürchten, es könnte etwas Schlimmes passieren, wenn ich ihnen zu nahe komme. Plötzlich haben sie Angst vor dem Kontakt. Und endlich weiß ich, wie sie sich vielleicht fühlten, wenn ich freundlich lächelnd auf Abstand zu ihnen blieb, aus Selbstschutz. Bei ihnen ist es ein unsichtbares Virus. Bei mir war es die Furcht vor Kontrollverlust, die Angst mich zu blamieren, nicht schnell genug fliehen zu können, wenn der andere zu grob für mich zartes Pflänzchen wird – zu laut, zu grell, zu nah, zu stark.


Seit damals, in der Schulzeit, sind Jahrzehnte ins Land gegangen, in denen ich langsam sicherer wurde im Umgang mit meinen Mitmenschen. Aber meine Sensibilität hat um nichts nachgelassen.
Ob die Menschen mich nun besser verstehen? Wie es ist, stets auf der Hut zu sein? Täglich den Mut aufzubringen, raus zu den Menschen zu gehen, um nicht zu vereinsamen und sogar mit ihnen Spaß haben zu können?