Phasen einer Krise


Es ist interessant zu sehen, was so eine Krise mit einem macht. Anfangs war Covid-19 eine von vielen Nachrichten aus der fernen Welt, weit weg von meinem eigenen Leben. Es interessierte mich nur mäßig, ich war mit vielen anderen Dingen beschäftigt und wusste, dieses Jahr würde mich wieder einen gewaltigen Schritt nach vorn bringen.
Ich bin ein sehr vorsichtiger Mensch, manche würden sagen: sozialphobisch. Da war es ein großer persönlicher Erfolg, mich in die Welt der sozialen Medien gewagt zu haben. 2020 wagte ich mich gleich wöchentlich auf größere Konzerte, rein in die Moshpits. Zum ersten Mal, mit Ende 40. Ein anstrengender, aber Energie und Kraft spendender Freudentaumel.
Und plötzlich war Schluss. Von heute auf morgen keine Konzerte, keine Tanzschule, keine Theaterproben, keine Schule mehr. Ferienmodus. Es fühlte sich an, als wäre der Marathon, auf den ich so lange trainiert hatte, auf halber Strecke abgeblasen worden. Schock, Verwirrung. Wohin mit all der Energie?


Die Ratio übernahm. Ich musste alles über dieses Virus wissen. Meldete mich sogar beim Hackathon #WirVsVirus an. Stellte fest, dass mir technische Voraussetzungen fehlten, lernte Zoom, Trello, Slack uvm. kennen und beobachtete, was sich in den Arbeitsgruppen tat. Leider konnte ich nicht selbst mitmachen. Dazu war ich viel zu überwältigt von diesem riesigen, fleißig summenden Bienenstock.
Aber allein die Tatsache, zu wissen, hier wird an Hunderten kleinen Lösungen für Alltagsprobleme gearbeitet, machte mir Mut. Offenbar hatten jetzt viele den Drang, tätig zu werden und zumindest hier wurden Ideen und Ressourcen effektiv kanalisiert.
Sorgen um die Gesellschaft brauchte ich mir erstmal nicht so sehr zu machen.


Was war mit Freunden und Bekannten? Ich nahm Kontakt auf zu denen, die ich schon längst mal wieder hatte treffen wollen.
Und schließlich kam ich gedanklich zu Hause an. Nach zwei Wochen Corona-Ferien, in denen sie mit vielen Schulaufgaben beschäftigt waren, hatten meine Kinder nun Osterferien und drängten nach sinnvollen Tätigkeiten. Alle Hobbies waren gecancelt worden, keine Verabredungen mehr möglich. Zum Glück haben wir ein eigenes Haus mit Garten und hatten sowieso vorgehabt, ein Beet anzulegen und den Keller zu renovieren. Jetzt kamen bei schönem Wetter einfach noch die jahrelang vernachlässigten Außenwände der Gartengebäude dazu. Soviel Zeit verbringen wir sonst nie gemeinsam zu Hause. Soviel Zeit haben wir sonst nicht für gemeinsame Projekte und Spiele- und Filmabende.


Was ich persönlich am allermeisten genieße, sind die Ruhe und die nächtliche relative Dunkelheit. So klare Sterne sehe ich sonst nur im Winter. So viele Vögel und Insekten hatten wir noch nie im Garten. Und was mich normalerweise täglich stresst: Motorenlärm ist auf einen Bruchteil reduziert. Unser Heim ist ein Paradies auf Erden.
Nach dem anfänglichen Schock und dem aktionistischen Leerlauf nun also tatkräftige Idylle im trauten Familienheim.
Doch auch dies ist nur eine Phase. Denn es regt sich wieder Ungeduld. Der Rückzug war und ist auch immer noch erholsam, doch auf Dauer kann es nicht so bleiben. Allmählich fehlen die Tanzstunden, die Theater- und Gesangsproben, das Schwimmbad, die Konzertbesuche und die Spieleabende mit Freunden. Auch wenn damit der Lärm wiederkehrt und die mich oft erdrückende Masse an Menschen.
Nach Schock, Aktionismus und Entspannung nun also so etwas wie Trauer und Hoffnung. Denn ich plane die Zeit danach, nach den Einschränkungen. Ich habe mich selbst wieder besser kennengelernt. Wöchentliche Veranstaltungen sind wohl doch ein bisschen viel, dafür lieber mehr Zeit mit meinen Liebsten. Dem hektischen Verkehr werde ich in Zukunft weit öfter nicht mehr dadurch zu entgehen suchen, dass ich selbst mal eben mit dem Auto zum Tanzen und zur Probe fahre, sondern ich werde deutlich mehr Zeit einplanen und auf Schleichwegen mit dem Fahrrad fahren. Da brauche ich zwar länger, aber dafür entfällt die lange Zeitspanne, die ich bisher stets brauchte, um mein aufgeregtes Nervensystem wieder runterzufahren.
Ich werde Wege finden, auch nach Corona diese angenehme Gelassenheit zu erhalten. Dann wird es auch wieder leichter, Sozialkontakte zu pflegen.