Sind Handys wirklich wichtiger?


Am Samstag, dem 19.06.2021, stand auf der Titelseite der Neuen Osnabrücker Zeitung (NOZ) die folgende Schlagzeile:

Handy wichtiger als Zeit mit den Eltern

Der darunter stehende Text jedoch hat eine vollkommen andere Aussage. Der Artikel stammt von der AFP (Agence France-Presse) und stellt eine Studie vor, in der 16- bis 29-Jährige zur „Generation Corona” befragt wurden und die von der Krankenkasse pronova BKK in Auftrag gegeben wurde.
58 % der Befragten gaben demnach an, dass die Familie ihnen während der Pandemie wichtiger geworden wäre. Zur Handy-Nutzung heißt es, dass 70 % das Handy als Haupt-Freizeitbeschäftigung bezeichneten. Aus diesen beiden Daten nun  zu schließen, das Handy wäre wichtiger als Zeit mit den Eltern zu verbringen, ist jedoch schlicht falsch, denn das eine hat mit dem anderen zunächst mal wenig zu tun.

Ein Handy ist ein Medium, das hauptsächlich drei Funktionen erfüllt: Kontaktpflege, Informationsbeschaffung und Zugang zu Freizeitbeschäftigungen wie Online-Spiele oder Streaming-Dienste.
Während der Pandemie waren Treffen mit Freunden, Bekannten und Verwandten sehr eingeschränkt und sind es teils immer noch. Das Gleiche gilt für die Ausübung der meisten Hobbys und Freizeitbeschäftigungen. Das Handy ermöglicht es, Kontakte dennoch zu pflegen sowie Ersatzbeschäftigungen nachzugehen. Damit ist es mithilfe des Handys als digitalem Medium möglich, fehlende direkte soziale Kontakte, Hobbys und Tätigkeiten zu kompensieren bzw. eben auf diesem Medium weiter zu pflegen.

Der Schluss, dass die Eltern das Nachsehen haben, geht von der Annahme aus, dass sie in direkter Konkurrenz zum Handy stünden. Das ist aber nicht der Fall. Höchstens stehen sie in Konkurrenz zu all den Freunden, Bekannten und Verwandten, mit denen ihre Kinder Beziehungen pflegen. Eltern können all die sozialen Kontakte ihrer Kinder nicht ersetzen und brauchen das – dank des Mediums Handy – auch in Pandemie-Zeiten nicht. Das soziale Leben hat sich in die digitale Welt verlagert, aber verschwunden ist es ja deshalb nicht.

Wer sich die Mühe macht, mal in der originalen Mitteilung der pronova BKK nachzulesen, findet sogar die folgende Aussage: „Am ehesten haben die Eltern Verständnis für das Verhalten der jungen Erwachsenen: 70 Prozent fühlen sich von ihren Eltern ernst genommen, deutlich weniger von den Lehrerinnen und Lehrern (25 Prozent).”

Nun habe auch ich mir nicht die Mühe gemacht, die originale Studie anzufordern. Vielleicht ergeben sich ja aus den tatsächlich erhobenen Daten auch noch ganz andere mögliche Schlussfolgerungen.

Die Mitteilung der pronova BKK findet sich übrigens hier:

(https://www.presseportal.de/pm/119123/4947276)