Was ist eigentlich eine Krise?


Was heißt es eigentlich, wenn man vom „Anfang der Krise” spricht? Bei einigen schürt das offenbar Ängste. Es kommt bei ihnen so an, als würde es auf jeden Fall noch viel schlimmer werden, als wäre das unumgänglich. Aber so ist es ja gar nicht. Das ist wieder so ein Missverständnis, so eine Art Übersetzungsfehler.


Was ist eigentlich eine Krise? Das Wort kommt aus dem Griechischen: krisis bedeutet dort ursprünglich Scheidung bzw. Entscheidung. Im Deutschen ist „Krise” [z]unächst ein Fachwort der Medizin, das den entscheidenden Punkt einer Krankheit bezeichnete (Kluge, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, de Gruyter, 1995).


Eine Krise ist demnach der Punkt in einer Entwicklung, an dem sich entscheidet, wie es danach weitergehen wird.


Was bedeutet dann so eine Aussage, wie: „Wir stehen immer noch am Anfang der Krise?” Offenbar ist mit der Krise eine längere Phase gemeint. „Krise” ist also das gleiche wie „kritische Phase”. Diese kritische Phase dauert so lange, bis klar ist, wo es danach langgeht. In der kritischen Phase kann man die Weichen stellen, damit nach der Krise alles in die gewünschte Richtung läuft, ohne dass man dazu dann noch irgendwas ändern müsste.
Auf unsere momentanen Lebenseinschränkungen bezogen heißt das, wir stehen immer noch am Anfang einer längeren Phase des vorsichtigen Ausprobierens, welche Maßnahmen uns in die gewünschte Richtung bringen.
Warum dauert dieses Ausprobieren so lange?
Weil wir immer erst nach zwei Wochen sehen können, was z. B. durch das Öffnen der Geschäfte passiert. Deshalb kann man alle 14 Tage immer nur eine Sache ändern, dann abwarten was passiert, dann wieder was ändern, dann warten was passiert usw. usw.
Deshalb öffnen jetzt erstmal nur die kleineren Geschäfte mit großen Sicherheitsauflagen. Eine Woche später geht es mit den ersten Schulklassen los. Wieder eine Woche später könnte man vielleicht auch größere Läden wieder öffnen, aber vielleicht sieht man dann auch, dass sich das Virus wieder schneller ausbreitet und muss die Geschäfte doch wieder schließen. Vielleicht sind die Geschäfte auch kein Problem, aber man stellt fest, dass durch die Schulöffnung wieder mehr krank wurden.
So muss man immer wieder neu entscheiden. Und da es nicht nur um Geschäfte und Schulen geht, sondern auch noch um Friseure, Sportvereine, den öffentlichen Nahverkehr, Museen, Theater, Hotels, Schwimmbäder, Altenheime, Kirchen, Stadtfeste und vieles vieles mehr, dauert dieser ganze Prozess sogar noch um ein Vielfaches länger.
Egal was erlaubt wird, jedes Mal müssen alle wieder abwarten, ob das so geht oder doch wieder verboten werden muss. Und erst dann kommt der nächste dran.


In unserer Gesellschaft gibt es so viele Möglichkeiten und Freiheiten. Viele davon wurden jetzt eingeschränkt, um alle vor einem Virus zu schützen, von dem man am Anfang noch ganz wenig wusste. Wir haben es erstmal dadurch gebannt, dass wir uns alle sehr stark einschränkten. Jetzt tasten wir uns langsam vor, um dieses Virus kennenzulernen, um zu lernen, wie es sich verbreitet. Und das dauert halt.