Während meines Studiums habe ich mich u. a. mit C. G. Jungs Schriften befasst und war an allem interessiert, was das Wesen des Menschen und die Strukturen in Gemeinschaften betraf. Vier Autor:innen, deren Werke ich in Anglistik-Kursen kennenlernte, haben einen bleibenden Eindruck hinterlassen.
Witi Ihimaera: The Matriarch (1986)
Ihimaeras Buch hat mich von der ersten Seite an gefesselt. Er begibt sich darin auf eine Reise durch die Traditionen seines Maori-Erbes im Konflikt mit der europäischen Kultur, erzählt durch die Linse des Protagonisten Tama, der seine persönlichen Erfahrungen seit der frühen Kindheit mithilfe eines Psychotherapeuten aufarbeitet und dabei alles, was einen Einfluss auf seine Bewertung der Ereignisse hatte und haben könnte, einbezieht.
Patricia Grace: Cousins (1992)
Weniger analytisch und aus weiblicher Sicht erzählt Grace von drei Cousinen, die den Culture Clash auf unterschiedlichen Bildungs- und Wohlstandsniveaus erfahren. Während Makareta in die Politik geht, um auf Landesebene für alle Maori einzustehen, übernimmt Missy ihren Platz in der kulturellen Leitung der eigenen Gemeinde und kümmert sich außerdem um Mata, die als Alleinerziehende in der Stadt um ihre Existenz kämpfen muss. In dieser Geschichte hat mich vor allem beeindruckt, dass es weniger darauf ankommt, welche Qualifikationen man erworben hat und wie perfekt das eigene Wissen ist, sondern darauf, einen Job zu erledigen und die Gemeinschaft zu stärken.
Thomas Pynchon: V. (1963)
Pynchons Protagonist ist auf der Suche nach V., offenbar eine Frau, die im Leben seines Vaters eine Rolle gespielt hat. Er findet verschiedene Frauen und Begriffe und folgt assoziativ jedem Hinweis auf eine Erklärung, auf eine Geschichte, die Lücken in seinem Verstehen füllen könnten. Doch während Ihimaera sehr logisch strukturiert seine und die Geschichte der Maori nachzuzeichnen versucht, schreibt Pynchon assoziativ und fragmentiert und erst aus dem Puzzle aller möglichen sowie abstrusen Fabulierungen ergibt sich allmählich ein Kaleidoskop an Blickwinkeln auf tieferliegende Zusammenhänge, Verletzungen und Traumata.
Charles Dickens: A Christmas Carol (1843)
Mehr als ein Jahrhundert zuvor übte Dickens mit seinen Werken Kritik an der sozialen Ungleichheit der frühindustriellen Gesellschaft Englands. Seine Geschichte vom Geizhals Ebenezer Scrooge, der von Geistern in sein Gewissen entführt und geläutert wird, ist ein wunderschönes Märchen von einer besseren Welt.
Alle vier blicken tief in die Seele der Menschen und der Gesellschaft, die sie hervorgebracht hat. Und trotz aller Irrungen und Wirrungen behalten sie den Weg hinaus, in eine heilende Zukunft, im Blick.
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